Warum wir uns selbst verloren haben – und warum das kein persönliches Versagen ist
Wir haben verlernt zu vertrauen.
Nicht, weil wir unfähig wären.
Sondern, weil wir gelernt haben, uns selbst zu übergehen.
Wir haben verlernt, anzunehmen.
Wir haben verlernt, offen zu sein.
Das, was sich aus dem Innersten zeigen will, wird oft nicht empfangen – sondern abgewehrt.
Nach außen akzeptiert.
Innerlich abgelehnt.
Viele Menschen unterschätzen die Kompetenzen ihres Gegenübers.
Nicht aus Arroganz – sondern aus einem viel tiefer liegenden Punkt: weil sie ihre eigenen Kompetenzen sich selbst nicht mehr zusprechen.
Oder sie sich sogar absprechen.
Stattdessen lernen wir, Autoritäten zu vertrauen.
Zertifikaten.
Titeln.
Positionen.
Wir übernehmen Entscheidungen, Handlungen und Strukturen, ohne sie wirklich zu hinterfragen – selbst dann, wenn wir innerlich spüren, dass etwas nicht stimmig ist.
Dass etwas ungerecht ist.
Oder schlicht nicht wahr.
Und genau hier beginnt ein ungesunder Umgang mit uns selbst.
Wir fangen an, uns zu bewerten.
Uns einzuordnen.
Uns im inneren Wertesystem nach unten zu korrigieren.
Wir verwechseln Struktur mit Erfahrung.
Gefühl mit vermeintlicher Klarheit.
Und Klarheit mit Orientierungslosigkeit.
Wenn wir uns selbst im Wert mindern, verändert sich auch unsere Sprache.
Die Sprache des Selbstzweifels entsteht.
Wir machen uns kleiner.
Reduzieren uns.
Relativieren das, was gelungen ist.
Anstatt innezuhalten, Erfolge zu würdigen, Schritte anzuerkennen, sagen wir uns:
Es reicht noch nicht.
Da geht noch mehr.
So beginnt der nächste Prozess: Wir suchen Bestätigung im Außen.
Wir kompensieren.
Mit Leistung.
Mit Besitz.
Mit Verhalten, das unser Innerstes kaum widerspiegelt.
Mit Süchten – sichtbar oder gut getarnt.
Der Mensch beginnt, sich zu spalten.
Diese Spaltung zeigt sich nicht nur im Inneren, sondern auch in der Persönlichkeit.
Verletzte Anteile entstehen.
Und wir erzählen uns die Geschichte, es gäbe einen Unterschied zwischen dem beruflichen und dem privaten Selbst.
Das ist eine Illusion.
Wir kompensieren das, was wir in der Arbeit nicht leben können, zu Hause.
Und das, was wir zu Hause nicht leben können, in der Arbeit.
Wir werden entweder angepasst – oder überverantwortlich.
Wir laden uns Aufgaben auf, die wir allein nicht tragen können.
Wir verlassen Strukturen, die uns eigentlich Halt geben würden.
Mit der Zeit verlieren wir sogar die Sprache für das, was wirklich wichtig ist.
Emotionen bekommen keinen Raum mehr.
Nicht, weil sie verschwunden wären – sondern weil sie keinen Ausdruck mehr finden dürfen.
Und das beginnt früh.
Wir lernen durch Beobachtung.
Durch Nachahmung.
Durch Muster.
So entsteht Prägung.
Nicht gelebte Emotionen – unterdrückt, abgewertet oder eingefroren, egal ob von außen oder durch uns selbst – hinterlassen Spuren.
Sie erzeugen Trauma.
Und hier ist eine unbequeme Wahrheit: Jeder Mensch trägt Trauma in sich.
Ausnahmslos.
Denn wir sind nicht erst ab dem Erwachsenenalter fühlende Wesen.
Schon im Mutterleib nehmen wir wahr, spüren Spannungen, erleben Atmosphäre.
Frei zu scheitern, frei zu fühlen, frei zu sein – ist uns nicht selbstverständlich gegeben.
Deshalb ist es kein persönliches Versagen, wenn wir uns verloren fühlen.
Es ist eine Folge davon, wie wir gelernt haben, mit uns selbst umzugehen.
Der Weg zurück beginnt nicht mit Optimierung.
Nicht mit noch mehr Leistung.
Sondern mit dem leisen, ehrlichen Schritt,
sich selbst wieder zuzuhören.